Betrachtungen zu Goju Ryu-Jundokan-Kata

unter Berücksichtigung biomechanischer Aspekte sowie aus Sicht der Bewegungslehre

Verfasser: Dipl.-Ing. Dr. Friedrich Gsodam, 7. Dan, Jundokan Karate-do Austria
Lehrer für Biomechanik und Bewegungslehre an den Sportakademien Wien und Linz, Herausgeber der ersten österreichischen deutsch- und englischsprachigen Karatebücher über Goju Ryu-Karate

In der folgenden Ausarbeitung werden nicht Kata verschiedener Stilrichtungen verglichen sondern es wird dargestellt, was vielfach die besonderen Anforderungen beim Trainieren von Goju Ryu-Jundokan-Kata ausmacht.

Sie stellt die Meinung des Autors dar und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Was wird betrachtet?

Die Eigentümlichkeiten und Charakteristika unserer Kata in Hinblick auf Erlern- und Präsentierbarkeit (z.B. bei Meisterschaften) und die (sportmotorischen) Fähigkeiten der Sportler, die dafür erforderlich sind.
Eine erste Betrachtung aller unserer Kata zeigt sofort, dass in einer guten Näherung auf Grund ihrer unterschiedlichen Strukturen die traditionelle Einteilung in

Fukyu Kata:
-Fukyu Dai Ichi und Fukyu Dai Ni
-Gekisai Dai Ichi und Gekisai Dai Ni

Kaishu Kata: Saifa, Seienchin, Shisochin, Sanseiru, Seipai, Kururunfa, Seisan und Suparinpei

Atemkata: Sanchin Dai Ichi, Sanchin Dai Ni und Tensho

als Grundlagen für die Betrachtung herangezogen werden kann.

1. Fukyu Kata

An Hand der beiden folgenden Kata wird der Bereich Fukyu Kata besprochen.
Die Kata Gekisai Dai Ichi und Gekisai Dai Ni wurden um 1940 von Chojun Miyagi in Naha für die körperliche Ertüchtigung der Studenten an der High School in Naha entwickelt und um Goju Ryu Karate in der Bevölkerung populär zu machen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Kata als reguläre Goju Ryu Kata eingeführt.

Bereits bei diesen Einführungskata mit ihren dynamischen Technikfolgen in Verbindung mit einer angemessenen Atemtechnik ist unschwer erkennbar, dass Goju Ryu-Kata nicht einfach zu erlernen sind sondern durch die spezifischen Anforderungen an die Sportler (Anfänger) hinsichtlich motorische Hauptbeanspruchungsformen sowie Beweglichkeit und Koordinationsfähigkeit intensiv einstudiert werden müssen.

Vereinfachend erscheint bei diesen beiden Kata, dass sowohl die Blöcke Age Uke, Yoko Uke, Gedan Barai überwiegend aus Hiki Te, aber auch die Angriffstechniken Mae Geri, Uraken Uchi, Shuto Uchi mit entsprechend großem Bewegungsumfang und langen Beschleunigungswegen durchzuführen sind. Das erleichtert die Betonung der Strukturmerkmale, insbesondere des Bewegungsrhythmus, sehr wesentlich (vergleiche dazu ähnliche Kata anderer Stilrichtungen).

Die Technikfolge Mae Geri, Empi Uchi, Uraken Uchi, Gedan Barai, Gyaku Zuki, Ashi Barai, Shuto Uchi hingegen ist hinsichtlich Differenzierungsfähigkeit, Bewegungsrhythmus und Bewegungsfluß durchaus anspruchsvoll und weist bereits deutlich darauf hin, wo die Schwierigkeiten beim Erlernen von Goju Ryu-Kata liegen.

Bei der Kata Gekisai Dai Ni kommen bereits die fortgeschritteneren Handtechniken Kake Uke und Ura Kake Uke in Verbindung mit den entsprechenden Atemtechniken vor.

Damit werden bereits die für Goju Ryu charakteristischen runden Bewegungsabläufe eingeführt, bei denen der Bewegungsablauf (die Blöcke) an sich für die Präsentation von Bedeutung ist und nicht nur die rasche Erreichung einer Endposition der Extremitäten im Rahmen einer Katasequenz (vergl. Taikyoku Jodan Ni).

Diese runden ausgeprägten Bewegungen im Goju Ryu Jundokan-Karate sind in der Ausführung naturgemäß sehr anspruchsvoll, da ja in diesen Fällen nicht das einfache dynamische Grundgesetz der Translation F=m.a zur Anwendung kommt sondern die entsprechende Version für die Rotationsbewegung M=I.Alpha, da ja die Kreisbewegung an sich schon eine beschleunigte Bewegung ist.

Hier werden an den Grad der Automatisierung im Technikablauf, die gut entwickelte Relativkraft in den Extremitäten und an die Feinkoordination große Ansprüche gestellt.

2. Kaishu Kata

Die Reihenfolge der Kata im Jundokan-Karate ist in der Einleitung angeführt und unterscheidet sich von der Reihenfolge im ÖKB nur durch die Vertauschung der Kata Shisochin und Sanseiru.
Die Kaishu Kata werden anhand der 3 Kata Saifa, Shisochin und Suparinpei beispielhaft besprochen.

Saifa (Zerschmettern und in Stücke reißen)

Ist die erste der klassischen Kata, die im Goju Ryu gelehrt werden. Ihr Ursprung liegt in den Kampfkünsten, die im südlichen China, Fuzhou, entwickelt wurden.
Kanryo Higaonna Sensei lernte diese Kata zusammen mit anderen Goju Ryu-Kata, als er um 1880 in China mit Ryu Ryuko trainierte.

Der Legende nach wurde die Kata dazu verwendet, um Verteidigung auf Schiffen oder Booten zu trainieren.

Das drückt die im Wesentlichen lineare Struktur der Kata aus.
Jedoch setzen die aus dem Bunkai bekannten, überwiegend runden (siehe diesbezügliche Ausführungen unter 1.) Fass- und Befreiungstechniken ein besonderes Maß an Koordination bezüglich Ganzkörperbewegung und Standfestigkeit voraus.

Die zweifache Kombination Sagi Ashi Dachi mit Hiza Geri erfordert für eine gute Technikbeherrschung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts das ausgewogene Durchlaufen aller Stufen des motorischen Lernens.

Der seitlich durchgeführte Tettsui Uchi nutzt die Fliehkraft der Faust ohne wesentliche Muskelspannung im Unter- und Oberarm während dieser Kreisbewegung. Erst im Augenblick des (vermeintlichen) Auftreffens der Faust auf dem fiktiven Zielpunkt erfolgt die Kräftefokussierung auf die Faust und die Verspannung der Körper- und Skelettmuskulatur (Go-Ju-Prinzip) und die Füße werden in Heiko Dachi (schmale Standfläche) fest auf den Boden gepresst.

Der folgende rasche Wechsel der Richtungen der Kraftwirkungen beim Fassen und Ziehen in Kombination mit dem Ura Zuki stellt hohe Anforderungen an die Koordinations- und Standfestigkeit.

Shisochin (Kampf in 4 Richtungen)

Sie war die bevorzugte Kata des Meisters Chojun Miyagi in seinen späteren Jahren.

Die vier Richtungen werden im Wesentlichen durch die Jodan Shotei Uke –Techniken betont, aber natürlich gibt es noch andere Deutungen dazu.

Bemerkenswert an dieser Kata ist, dass gleich mehrere Techniken vorkommen, die im Sportkarate nicht verwendet werden: Hiki Uke, Nukite Yonhon Zuki Jodan und Chudan, Empi Uchi, Kaisho Uke und Kujiki.

Besonders die (4-maligen) Wechsel zwischen Chudan Ura Kake Uke und Hiki Uke als kreisförmige Teilkörperbewegungen und Kujiki als unmittelbar folgende Ganzkörperbewegung stellen sich als sehr anspruchsvolle technische Passagen in dieser Kata dar.
Deren Verbindung mit dem Go-Ju-Prinzip der Spannung und Entspannung sowie den Blickwendungen bei der Durchführung der Kata rechtfertigt ihre Positionierung als 2. Dan-Kata.

Die darauf folgenden Passagen mit Empi Uchi und Ushiro Empi Uchi sowie Jodan Shotei Zuki und Gedan Shotei Barai erscheinen dagegen technisch nicht besonders anspruchsvoll, bieten jedoch die Möglichkeit, durch harmonische Ausführung der kombinierten Ganz- und Teilkörperbewegung in 4 Richtungen der Kata ein Bild des „In sich geschlossen-Seins“ zu geben.

Dagegen sind die folgenden runden Armtechniken in Verbindung mit den raschen Stellungswechseln zwischen Zenkutsu Dachi, Sanchin Dachi, Neko Ashi Dachi und Heisoku Dachi hinsichtlich Position (Höhe) des Körperschwerpunktes, kurzer Beschleunigungswege (außer Mae Geri) und Orientierungsfähigkeit anspruchsvoll und leiten in den 2. Teil der oben bereits erwähnten, tatsächlich schwierigen Passage mit Chudan Ura Kake Uke und Gedan Barai über.

Der abschließende Wechsel aus Heisoku Dachi in Neko Ashi Dachi bietet mit den zugehörigen Handtechniken nochmals die Möglichkeit, die Charakteristika dieser Kata zu betonen.

Suparinpei (108 Hände)

Sie ist die längste und schwierigste Kata im Goju Ryu-Karate.
In ihr spiegeln sich in komplexer Form sämtliche Kata des Goju Ryu wider.
In Ergänzung zur sinngemäßen Übersetzung „108 Hände“ gibt es eine Reihe anderer Möglichkeiten, die hier nicht angeführt werden.

Die Ausführung der großen Anzahl verschiedenartiger Techniken in Kombination mit den variantenreichen Stellungen ist jedoch sehr anspruchsvoll, insbesondere unter Bedachtnahme auf die korrekte Atemtechnik und das Timing.
Dabei kommt es bei den häufigen Shiko Dachi-Stellungen wesentlich darauf an, bei den Drehungen um 90° und 180° den Körper von einer Position in die andere zu „shiften“ und jedenfalls ein Hochgehen des Körperschwerpunktes zu vermeiden.

Mit der Vielzahl der offenen Handtechniken wie Ura Kake Uke, Tora Guchi, Haiwan Uke, Gedan Shotei Barai, Gedan Shotei Harai Uke, Sukui Uke und Hiki Uke und den kurzen Kontertechniken wie Gedan Oshi, Chudan Oshi, Nukite Yonhon Zuki, Morote Zuki etc wird die Ausrichtung auf den Nahkampf betont.

Dabei sind die Beschleunigungswege der Hände grundsätzlich kurz, was natürlich im Hinblick auf erreichbare Endgeschwindigkeiten insbesondere für die Präsentationen bei Meisterschaften erschwerend wirkt.

Die zT mit beiden Händen gleichzeitig durchzuführenden Techniken ermöglichen rasche Kontertechniken, erfordern aber ein hohes Maß an Feinkoordination und einen hohen Automatisierungsgrad.

Grundsätzlich gilt die Überlegung, dass kreisförmige Blöcke mit kreisförmigen Beinbewegungen (Sanchin Dachi) und geradlinige Angriffs- und Kontertechniken mit geradlinigen Beinbewegungen (Suri Ashi Dachi) zu kombinieren sind.

Sowohl der Mae Tobi Geri als auch der Mikazuki Geri mit der kombinierten Drehung um 360° auf einem Bein stellen höchste Anforderungen hinsichtlich Beweglichkeit und koordinative Fähigkeiten, zweiterer auch an die Orientierungsfähigkeit der/des Durchführenden.